Wenn es um Pflanzenpflege geht, ist Licht einer der am meisten unterschätzten Faktoren – vor allem in Innenräumen und ganz besonders im Winter.
Viele Wohnungen wirken hell. Unsere Augen passen sich schnell an, unser Gehirn gleicht Kontraste und Helligkeit aus, und alles fühlt sich ausreichend beleuchtet an. Pflanzen nehmen Licht jedoch nicht so wahr wie wir. Sie reagieren auf Licht so, wie es physikalisch vorhanden ist, nicht so, wie wir es empfinden.
In diesem Artikel erklären wir, warum die Lichtverhältnisse in Innenräumen oft deutlich geringer sind als erwartet, wie schnell die Lichtintensität mit zunehmender Entfernung vom Fenster abnimmt und warum sich dieser Effekt im Winter noch verstärkt.
1. Warum unser Auge Licht falsch einschätzt
Das menschliche Sehen ist extrem anpassungsfähig. Wenn wir von einer sonnigen Straße in ein Wohnzimmer gehen, dauert es nur wenige Sekunden, bis unser Gehirn Helligkeit, Kontrast und Farben neu kalibriert. Dadurch kann ein Raum hell erscheinen, selbst wenn die tatsächliche Lichtintensität niedrig ist.
Eine Kamera erzählt eine andere Geschichte.
Wer schon einmal in Innenräumen fotografiert hat, kennt das:
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der ISO-Wert muss erhöht werden
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die Belichtungszeit wird länger
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das Bildrauschen nimmt im Vergleich zu Außenaufnahmen zu
Der Grund dafür ist einfach: Eine Kamera misst Licht objektiv. Sie passt sich nicht an.
Pflanzen funktionieren ähnlich. Sie gleichen Lichtmangel nicht aus. Die Lichtmenge, die auf das Blatt trifft, ist exakt die Energiemenge, die der Pflanze für die Photosynthese zur Verfügung steht.
Wahrnehmung ist keine Messung.
2. Außenlicht vs. Innenlicht
Um den Unterschied zu verstehen, lohnt sich zunächst ein Blick auf typische Lichtverhältnisse im Freien.
Typische Lichtwerte im Freien (zur Orientierung):
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Sommer, sonnig: 60.000–100.000 Lux
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Sommer, bewölkt: 10.000–20.000 Lux
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Winter, bewölkt: 1.000–5.000 Lux
Selbst an einem grauen Wintertag ist die Lichtintensität draußen oft höher als das, was viele Zimmerpflanzen im Innenraum erhalten.
Sobald Licht durch ein Fenster in einen Raum gelangt, geht ein großer Teil davon verloren:
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Glas filtert und reflektiert Licht
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der Sonnenstand ist im Winter deutlich niedriger
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Licht fällt nur aus einer Richtung ein
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Wände und Möbel absorbieren Licht
3. Wie schnell Licht in Innenräumen abnimmt (Sommer vs. Winter)
Die Lichtintensität nimmt in Innenräumen wesentlich schneller ab, als viele Menschen erwarten.
Die folgenden Werte sind ungefähre Richtwerte für indirektes Tageslicht in einem typischen Haushalt in Belgien oder Nordeuropa.
Sommer:
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Direkt am Fenster: ~5.000–10.000 Lux
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1 m vom Fenster entfernt: ~1.000–2.000 Lux
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2–3 m vom Fenster entfernt: ~200–500 Lux
Winter (gleicher Standort):
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Direkt am Fenster: ~1.000–2.000 Lux
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1 m vom Fenster entfernt: ~200–500 Lux
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2–3 m vom Fenster entfernt: ~50–150 Lux
Was für uns hell wirkt, entspricht für Pflanzen oft bereits tiefem Schatten.
Für viele tropische Zimmerpflanzen bedeuten Lichtwerte unter einigen hundert Lux eher Erhaltungszustand als aktives Wachstum.
4. Warum der Winter alles zusätzlich erschwert
Winter bedeutet für Pflanzen nicht nur niedrigere Temperaturen, sondern auch:
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kürzere Tage
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einen deutlich niedrigeren Sonnenstand
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weniger tägliche Lichtenergie
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verlangsamte Photosynthese
Selbst wenn Temperatur und Wassergabe konstant bleiben, wird Licht im Winter häufig zum begrenzenden Faktor. Das Wachstum verlangsamt sich nicht, weil etwas falsch läuft, sondern weil schlicht weniger Energie zur Verfügung steht.
5. Gewächshauslicht vs. Wohnzimmerlicht
Unsere Pflanzen werden in Belgien ohne künstliche Beleuchtung kultiviert. Sie sind an gemäßigte Lichtverhältnisse angepasst.
Der entscheidende Unterschied zwischen Gewächshaus und Wohnraum liegt jedoch in der Lichtverteilung:
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Im Gewächshaus erhalten Pflanzen natürliches Tageslicht aus allen Richtungen
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Das Licht ist gleichmäßiger verteilt
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Die tägliche Gesamtlichtmenge ist deutlich höher – auch im Winter
In Wohnräumen kommt Licht meist nur aus einer Richtung, und die Intensität nimmt mit der Entfernung zum Fenster rasch ab.
Deshalb verlangsamt sich das Wachstum vieler Pflanzen im Winter im Innenraum deutlich.
6. Was das für die Pflanzenpflege bedeutet
Wenn Pflanzen im Winter langsamer wachsen, ist Licht oft der entscheidende Faktor – nicht Wasser, nicht Dünger und keine Pflegefehler.
Einige praktische Erkenntnisse:
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der Abstand zum Fenster ist entscheidend
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Winterlicht in Innenräumen ist wesentlich schwächer als Sommerlicht
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schon eine kleine Veränderung des Standorts kann einen messbaren Unterschied machen
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langsames Wachstum im Winter ist normal
Pflanzen hetzen nicht. Sie reagieren auf das Licht, das ihnen zur Verfügung steht.
Möchten Sie die Lichtverhältnisse genauer messen?
In diesem Artikel erklären wir den Unterschied zwischen Lux und PAR und zeigen, wie Sie mit einem Lichtmessgerät die Lichtbedingungen für Ihre Pflanzen beurteilen können: